SIGNALE IM REGEN
Autor: Steffen Lenk, 04. Dezember 2002
Der Regen übertönte fast schon den Lärm auf dieser Straße. Dies war die Stadt im Norden, in der sich einst Flüchtlinge aus allen Winkeln der Erde ansiedelten, nachdem die letzte, große Schlacht geschlagen worden war und niemand mehr wusste, wo er herkam – einer kargen Wüste aus Schutt, in der die gespenstischen Ruinen der Zivilisation keine Schatten mehr warfen, genauso wenig wie der vertraute, sichere Hightech-Alltag, in dem jeder Ablauf gemäß der Summe an Erfahrung von Generationen und in jeder Hinsicht professionell war... Eine Hochkultur der Durchschnittlichkeit und zugleich eine ironisch-schemenhafte Erinnerung, jetzt, irgendwann im Spätherbst 2052.
Dieser verregnete Abend, schon nach Sonnenuntergang, sollte für den Zeitungsreporter – nennen wir ihn Cal – nicht so enden, wie gewohnt. Cal war es bislang nicht gelungen, seinem Boss auch nur eine Story zu liefern, die spektakulärer gewesen wäre, als ein entlaufenes Haustier, oder gestohlene Lebensmittel, die aus den Vorräten einer Supermarktlagerhalle verschwunden waren. 25 Jahre jung und so voller Ehrgeiz, der jedoch durch das Ausbleiben jeglicher Sensationen brach lag. In dieser Welt war niemand ein Freund blutiger Kriege, oder Talkshows, in denen man sich über bizarre Beziehungskonstellationen ausließ.
Hier ging es Tag für Tag darum, wann die Sonne wohl endlich die Asche in der Atmosphäre zu durchstoßen vermochte. Der Nachhall des Krieges war immer noch zu spüren. Nirgendwo gab es ein präzise arbeitendes Einwohnermeldeamt. Noch nicht. Ein Restchaos, das dabei war, sich sehr langsam zu verflüchtigen.
In der Zeitungsagentur war es, wie im Rest des Bürogebäudes, schon dunkel. Alle waren längst nach Hause gegangen. Für Cal war es unerheblich, wo er seine Freizeit verbrachte, also machte er sich daran, weiter an seinem Modell zu bauen, unter dem schalen Licht seiner altmodischen Schreibtischlampe, bis dieser alte Mann in der Tür zu seinem Büro stand. Cal nahm seine Brille ab: „Ähm, es tut mir leid, aber die Agentur ist schon geschlossen. Es ist niemand mehr hier.“ Der alte Mann, der leicht gekrümmt da stand, lächelte: „Sie sind doch noch hier, oder nicht?“ – „Ich habe Feierabend und wollte gerade nach Hause gehen.“ – „Sie bauen seit Monaten an diesem kleinen Schiffsmodell, Cal. Es gab viel schönere Schiffe, warum dieses?“ Cal war erstaunt: „Wer sind Sie? Und woher kennen Sie meinen Namen?“ – „Es spielt keine Rolle, wer ich bin.“
Es war deutlich zu sehen, dass der alte Mann nicht mehr bei bester Gesundheit war, als er sich in Richtung des Schreibtischstuhls schleppte und sich langsam in den Stuhl sinken ließ. Er machte einen traurigen, aber respektvollen Eindruck. Der Regen trommelte gegen die Scheiben und obwohl sich die Zeitungsagentur nur im dritten Stock befand, überblickte man von dort aus einen Großteil der belebten Straße. In diese Richtung blickte der alte Mann wortlos.
„Warum sind Sie zu mir gekommen? Was kann ich für Sie tun?“, so Cal. „Sie kommen mir irgendwie bekannt vor... Sie wollen wissen, warum ich an diesem kleinen Schiffsmodell baue? Mein Vater erzählte mir vom Original. Es ging unter, am Ende des Kriegs, als eigentlich schon alles entschieden war. Niemand hatte in seiner Erleichterung und seiner inneren Ausgebranntheit damit gerechnet, dass es noch einmal einen Angriff geben würde, nicht einmal der Admiral an Bord, so die paar Überlebenden – er war wohl zu euphorisch, da die Kapitäne unter seinem Kommando zu erfolgreich waren. Fast keine Verluste. Aber nach dem letzten Angriff konnten nur noch 12 über dieses entsetzliche Massaker berichten. 12 von ehemals 5800, kaum zu glauben, oder?“
Der alte Mann drehte nun seinen Kopf und sah zum ersten Mal genau in die Augen des begeisterten Schiffsmodellbauers: „Es hat lange gedauert. Nicht, weil ich nicht mehr gut zu Fuß bin, sondern weil meine Suche eine Ewigkeit überdauerte.“
Cal legte die kleine Holzfeile auf den Tisch: „Sie sind gekommen, um mir eine Geschichte zu erzählen, die von diesem Schiff handelt? Kannten Sie jemanden, der damals mit an Bord war?“
Die eingefallenen Wangen und die deutlich erkennbare Silhouette der Augenhöhlen des alten Mannes schienen sich in diesem Moment noch intensiver in seinem Gesicht abzuzeichnen. Das Licht eines Blitzes erhellte Tausende von Regentropfen am Glas, teilte den Raum in extreme, hell - dunkle Kontraste, wie ein grelles Signal, das aussagt, dass hier und jetzt besser alles unterbrochen werden sollte. Der darauf folgende Donnerschlag verlieh durch sein übermächtiges, voluminöses Eingreifen allem kurzzeitig eine tiefere Position im Gesamtbild und jedem ein Gefühl von Ehrfurcht.
„Sie war die wundervollste Frau, die sich ein Mann nur vorstellen kann. Bevor es niemanden mehr gibt, der sie kennt, sollen Sie alles erfahren. Mein Herz gehört immer noch ihr.“
Cal lächelte entzückt: „Einen Moment! Eine klassische Lovestory aus dem Krieg? Ich bitte Sie, das liest doch niemand. Diese Sorte Klatsch gibt es doch schon massenhaft.“ – „Wir erbauten die Leidenschaft neu, zwischen uns. Es war so, als würden wir etwas völlig Neues erfinden. Es geschah ohne Anleitung, ohne Vergleichbares in unseren zahlreichen Erinnerungen. Wir sprachen ganze Bände miteinander – ohne ein Wort laut auszusprechen, konnten vergessen, welcher unserer beiden Körper zu wem gehörte und ... wir wussten alles geheim zu halten.“ – „Sie mussten Ihre Liebe vor anderen geheim halten? Warum?“ - „Ich hätte niemals damit gerechnet, dass sie an Bord kommen würde, wo ich mir doch so große Mühe gegeben hatte, sie in Sicherheit zu bringen. Auch wenn es unsere letzte Fahrt, unsere Heimreise war, sollte sie nicht mit einem schwer beschädigten Kriegsschiff über den Ozean fahren, besonders nicht mit diesem! Ich hatte ihr eine Passage auf einem Konservenfrachter ermöglicht und wir hätten uns nach sechs Wochen in der neuen Heimat wiedergesehen, aber diese Ewigkeit konnte sie nicht ertragen. Also bestach sie einen Offizier, um an Bord desselben Schiffes zu reisen wie ich. Es gab kaum Platz. Das ganze Schiff war, wie alle anderen der Flotte, überfüllt mit Flüchtlingen, die Monate nach ihrer Evakuierung völlig ausgehungert, zu viert und zu sechst in den engen Mannschaftsquartieren untergebracht waren. Dasselbe spielte sich bei unseren ehemaligen feinden ab. Niemand war stolz, oder dachte an Vergeltung, alle waren froh, dass die Zeiten des Schreckens nun vorbei waren und sich jeder auf dem Weg nach Hause befand. Sie, Cal, schreiben jede Woche einen Kurzartikel in der Zeitung über ihr Lieblingsschiff, Geschichten der Nachkommen der Überlebenden. Geschichten, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden, und ich wünsche mir jedes Mal aufs Neue, ich könnte noch einmal zurückkehren und alles ungeschehen machen. An Bord des Konservenfrachters hätte sie es verdammt gut gehabt. Eine große Kabine für sich allein, reichlich zu Essen und zu Trinken, Bücher und einen Computer. Wissen Sie, Cal, sie konnte so packend schreiben, ich konnte ihr stundenlang genussvoll zuhören.
Ich konnte nicht zulassen, dass sie noch länger den Missumständen von all dem Chaos und der nicht zu ignorierenden Restgefahr ausgesetzt sein sollte, darum ermöglichte ich ihr diese Passage. Hätte jemand davon erfahren. Wäre es möglicherweise an Bord zu Spannungen gekommen. Sie und ich waren schon Jahre vor dem Krieg zusammen und ich begreife heute immer noch nicht, wie all das so enden konnte. Wir beide hatten schon immer eine Schwäche, wenn es darum ging, etwas aufzuschieben. Wohl aus diesem Grund forderten wir dieses Schicksal heraus. Sie können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, welche Überraschung es war, sie in einer gestohlenen Offiziersuniform die Kommandobrücke betreten zu sehen. Im ersten Moment dachte ich, ich hätte den Verstand verloren. Sie schaffte es tatsächlich an allen Sicherheitskräften vorbei. Jeder war überzeugt, sie gehöre zur Kommandocrew. Verantwortlich dafür war wohl ihre magische Ausstrahlung, die jedem und jederzeit Hoffnung und zugleich tiefen Respekt zu vermitteln vermochte.
Ich blickte in ihre grünen Augen, während sie die Schildmütze abnahm. Ich brachte kein Wort über meine Lippen, wie auch alle anderen, die sich umdrehten und uns beide anstarrten. Auf der gesamten Kommandobrücke gab es nur zwei Menschen, die die Situation begriffen, der Rest war in perfekter Ungewissheit. Wir umarmten uns, als hätten wir uns seit einer Ewigkeit - die es für uns beide auch war – nicht gesehen und brachen gleichzeitig in Tränen aus. Der Moment war perfekt. Nichts konnte uns trennen, noch nicht einmal meine so akribisch vorgetäuschte Überlegenheit dem Gedanken gegenüber, sie für sechs Wochen nicht sehen zu können. Sie durchschaute mich erneut und sie ließ mich sie durchschauen – alles war so wundervoll wie immer, so als würde die Zeit langsamer laufen, aber ohne dass ihr Vergehen einem von uns beiden bewusst gewesen wäre.
In diesem Moment, in dieser eigentlich schönen, warmen Sommernacht mitten auf dem Ozean, erschütterte eine gewaltige Detonation den Boden unter uns. Das Licht flackerte erst, fiel dann ganz aus. Das ganze Schiff lief ohnehin nur noch mit Notenergie, da der Hauptgenerator schon lange irreparabel beschädigt war. Es dauerte einige Sekunden, bis die ersten Taschenlampen den Raum mit Licht füllten. Die Lage war ernst. Nach einigen Minuten musste jeder an Bord während des Rennens gegen die Schräglage des Schiffes ankämpfen.
Es gab nur einen einzigen Kapitän der gegnerischen Seite, der immer noch auf Rache aus war. Er hatte fanatisch und monatelang geplant, seine Karriere mit der Vernichtung des gegnerischen Admiralsschiffs zu beenden. Und das gelang ihm auch. Er torpedierte unser Schiff pausenlos und angesichts der Tatsache, dass das Meiste an Bord nicht mehr, oder nur noch mit Batteriestrom funktionierte, hatten wir keine Chance. Durch eine der vielen Detonationen stürzten meine Geliebte und ich auf dem Weg zu einem der Rettungsboote eine lange Stahltreppe hinab...
Meine nächste Erinnerung ist mein Aufwachen an Bord des gegnerischen Schlachtschiffes. Wie es dazu kam gestand mir jener fanatische, vom Wahnsinn zweifelsohne befallene Kapitän grinsend. Sie hatten jedes Rettungsboot manövrierunfähig geschossen, eines nach dem anderen geentert und einige Gefangene genommen, darunter auch mich, in bewusstlosem Zustand. Danach hatten sie alle unsere Rettungsboote mit nur einer Ausnahme versenkt. Das eine Rettungsboot war ihnen irgendwie entkommen.
Vor einem Jahr ließen sie mich frei. Seitdem ziehe ich von Stadt zu Stadt und erzähle meine Geschichte, so lange es mir noch möglich ist. Ich bin jetzt über 77 Jahre alt und Sie sind ein junger, viel versprechender Mann, Cal. Ich war einst wie Sie und der Unterschied zwischen Ihnen und mir – heute – besteht nur darin, dass Sie ein Stück weit Verständnis und Kontrolle über dieses Schiff zu erhalten versuchen, indem Sie es nachbauen und ich mir jeden Tag so sehr wünsche, diese Kontrolle niemals gehabt zu haben.“
Cal schwieg. Der Regen hatte mittlerweile aufgehört. Die Sensation, die er schon so lange erhofft hatte, wurde Realität. Sein Schiffsmodell wurde in jener Nacht noch viel realer für ihn.
Die Geschichte des alten Mannes wurde erst in der Zeitung gedruckt, für die Cal arbeitete, später landesweit, in allen Zeitungen, die es gab.
So zogen einige Monate vorüber und Cal saß Nacht für Nacht an seinem Schreibtisch und irgendwann war es so weit, dass er kurz nach Sonnenuntergang sein Schiffsmodell komplettierte. Er war gerade dabei, den letzten Farbstrich am Schiffsrumpf vorzunehmen, als wieder jemand in seiner Bürotür, mit einer Zeitung in der Hand, auftauchte und lächelte: „Sie sind der Mann, der das hier geschrieben hat? Es hat lange gedauert. Nicht, weil ich nicht mehr gut zu Fuß bin, sondern weil meine Suche eine Ewigkeit überdauerte.“
Cal stand auf und schluckte. Er stützte seine zitternden Hände auf die Schreibtischplatte vor ihm: „Ja, der bin ich. Kann ich Ihnen helfen, Frau...?“
„Es spielt keine Rolle, wer ich bin.“